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Auftrag (Word-Datei)

Um 1750 verwandelte sich England in ein Land mit riesigen Städten und betriebsamen Fabriken, die Güter in Massenproduktion herstellten. Unter seiner Führung trat ein Großteil der Welt schließlich in das industrielle Zeitalter ein.

England stellte schon 1750 eine bedeutende Wirtschafts- und Seemacht dar. Die Bevölkerung lebte jedoch zumeist noch auf dem Lande, und London war die einzige Großstadt. Industrielle Entwicklungen wie der Kohlebergbau und die Eisen- und Stahlindustrie besaßen ein bescheidenes Ausmaß. Über die Jahrhunderte hatten sich bereits Veränderungen ergeben, jedoch so langsam, daß die meisten Menschen sie kaum wahrnahmen. Sie empfanden ihre Lebensweise weiterhin als unveränderbaren Teil einer unerschütterlichen Ordnung, ohne zu bemerken, daß bereits eine völlig neue Phase der Geschichte begonnen hatte.

VERÄNDERUNGEN       

Diese Phase, bei der auch viele andersartige Faktoren eine Rolle spielten, bezeichnet man als industrielle Revolution. Diese Faktoren trieben die Wirtschaft an und schufen im wahrsten Sinne des Wortes revolutionäre Veränderungen. Eine Fülle von Erfindungen machte die Textil- und Eisenproduktion zu weltbeherrschenden Industriezweigen. Man nutzte neue Energiequellen, allen voran die Dampfmaschine. Der ständig zunehmende Brennstoffbedarf führte zu einer Ausweitung der Kohleförderung. Aufgrund einer wahren Bevölkerungsexplosion gab es ausreichend Arbeitskräfte und einen Absatzmarkt für die Industriegüter. Spektakuläre industrielle Ver­änderungen zeigten sich zuerst in der Textilherstellung.

Dort sorgte eine Reihe von Erfindungen für eine ungeheure Steigerung der Produktion. John Kays „flying shuttle" (fliegendes Weberschiffchen) von 1733 beschleunigte das aufwendige Webverfahren.

Idealisierte Darstellung der Arbeit in einer Spinnerei. In Wirklichkeit blieben, um eine hohe Luftfeuchtigkeit aufrechtzuerhalten, Fenster und Türen fest verschlossen, so daß die Frauen mit nacktem Oberkörper arbeiteten. Schlimme gesundheitliche Schäden waren die Folge.

 

Mit der Erfindung der Spinnmaschine 1767 (James Hargreaves „Spinning Jenny") eröffneten sich dieselben Möglichkeiten für das Spinnverfahren. 1769 folgten James Arkwrights mit Wasserkraft betriebene Spinnmaschine und 1779 Samuel Cromptons „Mule" (Maultier) für die Feinspinnerei. Beide eigneten sich zur fabrikmäßigen Textilherstellung mit Pferde-, Wasser- oder Dampfkraft. 1785 erfand Edward Cartwright den mechanischen Webstuhl, den Vorläufer der Webmaschine. Daraufhin konzentrierte sich die Texlilherstellung, die zuvor von Spinnern und Webern in Heimarbeit betrieben wurde, in Fabriken. Das führte für alle Beteiligten zu einer völlig veränderten Lebensweise.

Durch die Massenproduktion verbilligten sich die Textilien erheblich. Lange Zeit hatte die Wolle zu Englands Hauptexportgütern gehört, doch nun trat die Baumwolle ihren Siegeszug an: England belieferte die Märkte in den heißen Klimazonen Afrikas und Asiens, die nach leichten Stoffen verlangten. Im Süden von Lancashire drängten sich die häßlichen Fabriken der Baumwollstädte. Der Wohlstand von Manchester und Liverpool basierte auf der Baumwolle. Diese Auslandsexporte machten oft die Hälfte des gesamten englischen Exporterlöses aus und brachten dem Land großen Wohlstand.

Opfer der neuen Technologie - die Handweber in Yorkshire, 1814. Früher in Heimarbeit tätig, mußten sie nun ihren Lebensunter­halt als Fabrikarbeiter verdienen. 

 

Ein Bergmann der Kohlenzeche Middleton bei Leeds, 1814.

 

In der industriellen Frühzeit betrieb man die Textilfabriken mit Wasserkraft. Sie stellte eine kostenlose, jedoch nur begrenzt verfügbare und unsichere Energiequelle dar, die in Trockenperioden die Arbeit zum Stillstand brachte. Der Einsatz von Dampfmaschinen war daher für die Industrie von entscheidender Bedeutung. Dampfmaschinen hatte es zwar schon im 17. Jahrhundert gegeben, doch sie galten als unrentabel. Das änderte sich 1769, als der schottische Feinmechaniker James Watt den genialen Einfall hatte, den Kondensationsraum vom Dampfzylinder zu trennen. Somit konnte er die Temperatur konstant halten. 1774 tat sich Watt mit dem Unternehmer Matthew Boulton zusammen. In der gemeinsamen Fabrik Boulton &Watt in Soho bei Birmingham stellten sie Dampfmaschinen her, deren Bedeutung für die englische Industrie Boultons berühmter Ausspruch kennzeichnet: „Ich verkaufe, was die ganze Welt haben will: Energie."

DIE EPOCHE DES EISENS     

Eines der großen Symbole der industrieller Revolution stellte das Eisen dar. Im 19. Jahr­hundert verwendete man es für den Bau von Brücken, Schiffen und Lokomotiven sowie für den Londoner Kristallpalast und den Pariser Eiffelturm.

Die neue Gasanstalt: Londoner Leuchtgasherstellung im Jahr 1824.

 

 

Im Jahre 1700 kämpfte die britische Eisenindustrie noch um ihr Überleben. Das Metall mußte aus den Erzen ausgeschmolzen werden, d.h., es wurde so stark erhitzt, daß es schmolz. Dann konnte man das Eisen abgießen, während die Unreinheiten zurückblieben. Da für das Schmelzen nur Holzkohle zur Verfügung stand und Englands Wälder größtenteils abgeholzt waren, sah man sich zu teuren Importen gezwungen. Der Retterin der Not kam 1709: der Eisenhüttenmeister Abraham Darby aus Coalbrookdale erkannte, daß der weniger schwefelhaltige Koks als Brennmate­rial ausgezeichnete Resultate lieferte. Darbys Verfahren blieb bis in die 30er Jahre des 18. Jahrhunderts ein streng gehütetes Geheimnis. Coalbrookdale erlebte aufgrund dessen eine große Blüte.

Eine Seite eines offiziellen Berichts über die Bedingun­gen in den Kohlezechen. Kinder galten in den Minen als gefragte Arbeitskräfte, da sie beladene „Loren" (Karren) durch niedrige Stollen schieben konnten.

Kaum war das Geheimnis des Verfahrens gelüftet, nahm die Eisenproduktion im ganzen Land einen großen Aufschwung, und weitere Verbesserungen folgten. So setzte man um 1775 die Dampfmaschinen von Watt &Boulton ein, um damit einen starken Luftstrom in die Hochöfen zu blasen, den diese zur Erzielung der hohen Schmelztemperaturen benötigten. Die Metallindustrie ließ neue Städte wie Birmingham und Sheffield entstehen, und bis 1850 kam die Hälfte der Eisenproduktion der Welt aus England.

Einen unverzichtbaren Bestandteil der industriellen Entwicklung bildete die im großen Maßstab betriebene Kohleförderung. Kohle brauchte man für die Herstellung von Koks und als Brennstoff für die großen Dampfmaschinen, die die Fabrikanlagen antrieben, sowie für Hochöfen, Schiffe und Lokomotiven. Die wachsende Bevölkerung benötigte zunehmend mehr Kohle für den privaten Gebrauch, und 1798 nutzte William Murdock das Kohlegas zur Beleuchtung der Fabrik von Beulten &Watt in Soho. Bereits 1815 gab es in London und Glasgow Gasbeleuchtung.

Minenarbeiter mit einem „Grubenjungen" in einer Arbeitspause.

 

Glücklicherweise lagen die reichen Kohlehalden Englands nahe bei den Eisenvorkommen. Vom frühen 18. Jahrhundert an setzte man Dampfmaschinen ein, um Wasser aus den Minen zu pumpen, doch sonst gab es kaum Neuerungen. Der Kohleabbau unter Tage war und blieb eine der schwersten Arbeiten überhaupt, und die gesamte Struktur der industriellen Zivilisation des 19. Jahrhunderts beruhte auf dem körperlichen Einsatz einer großen Zahl von Menschen, die in den Bergwerken arbeiteten.

KANÄLE, STRASSEN, EISENBAHNEN

Schlechte Verkehrsverbindungen erschwerten den Transport und die Verteilung der Waren. Bis ins 18. Jahrhundert befanden sich Englands Straßen in einem so schlechten Zustand, daß man schwere Güter nach Möglichkeit auf dem Wasserweg transportierte. Schließlich führte man zur Finanzierung der Instandhaltung belebter Straßen einen Straßenzoll ein.

Doch noch größere Bedeutung kam dem Bau von schiffbaren Kanälen zu. James Brindleys Bridgewater Canal (1763) verband die Minen des Herzogs von Bridgewater mit der Industriestadt Manchester. Der Kanal wirkte sich sofort auf den Preis der Kohle in Manchester aus, der um die Hälfte sank. Diese Talsache führte jedermann den Vorteil von Kanälen beim Transport schwerer Güter vor Augen und löste eine „Kanal-Manie"aus, die bis etwa 1850 andauerte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Netz von Kanälen in England eine größere Ausdehnung erreicht als das Straßennetz. Doch die Epoche der Kanäle ging bald zu Ende, denn die Wasserwege konnten es nicht mit den von Dampfmaschinen angetriebenen Eisenbahnen aufnehmen. 1825 wurde zwischen Stockton und Darlington die erste öffentliche Eisenbahnverbindung eröffnet.

 

 

Die Strecke zwischen Liverpool und Manchester war die zweite in England geschaffene Eisenbahnverbindung. Sie wurde 1829 eröffnet, vier Jahre, nachdem man die Linie Stockton-Darlington für den Verkehr freigegeben hatte. Zwischen 1834 und 1836 folgte ein wahres Eisenbahnlieber.

1850 gab es in England bereits 10.000 km Eisenbahnstrecken. Die Eisenbahn beförderte Passagiere und Guter im ganzen Land mit beispielloser Geschwindigkeit. Als weiterer Triumph des Maschinenzeitalters galt der Einsatz von Dampfmaschinen in Schiffen. Bereits 1833 überquerte der kanadische Dampfer Royal William zum ersten Mal den Atlantik.

MENSCHEN UND STÄDTE    

Englands Flotte und sein weltumspannendes Kolonialreich bescherten dem Land überseeische Märkte und die Mittel, sie zu beliefern. Doch der Fortschritt der industriellen Revolution hätte sich ohne die große, ständig wachsende Bevölkerung, die das Heer der Fabrikarbeiter stellte und einen heimischen Markt bildete, weniger stürmisch und entscheidend vollzogen.

Das britische Kanal- und Eisenbahnnetz um 1850. Der Kanal des Herzogs von Bridgewater, 1759-1763 zwischen seinen Kohlerevieren und Manchester angelegt, machte die Kohle um die Hälfte billiger. Darauf folgten zwischen 1790 und 1794 rund 81 Parlamentsbeschlüsse zum Kanalbau. Die Eisenbahn verkürzte die Reisezeit: 1750 dauerte die Reise auf dem Straßenweg von Edinburgh nach London 12 Tage, 1830 brauchte die Eisenbahn nur 45 Stunden.

 

 

 

 

 

 

Der Bevölkerungszuwachs hatte anscheinend in den 40er Jahren des 18. Jahrhunderts nach einer Reihe guter Ernten begonnen und wurde wohl durch eine steigende Nahrungsmittelerzeugung und die expandierende Wirtschaft, verbunden mit verbesserten Lebensbedingungen, gestützt.

Eine der neuen britischen Industriestädte: Barrow-in­Furness in Lancashire.

Zu Beginn des 18.Jahrhunderts betrug die Bevölkerung Englands knapp 6 Millionen, doch 1851 hatte sich ihre Zahl bereits auf 21 Millionen erhöht, und die Zuwachsrate stieg ständig.

Da Fabrikarbeit mit dem Leben in der Stadt gekoppelt war, erhöhte sich im gleichen Zeitraum die Einwohnerzahl Londons von einer halben Million auf drei Millionen. Selbst bislang unbedeutende Städte und Dörfer wie Manchester, Liverpool, Birmingham und Glasgow zählten schliesslich mehrere hunderttausend Einwohner. Mitte des 19. Jahrhunderts lebten etwa drei Viertel der britischen Bevölkerung in den Städten.

Londoner Slum in einer Darstellung von 1878. Den Massen billiger Arbeitskräfte, die in die Städte strömten, boten profitgierige Unternehmer eilig errichtete Elends­quartiere.

 

 

 

 

 

 

 

LANDWIRTSCHAFT     

Die Ernährung so vieler Menschen wäre ohne das reiche Nahrungsmittelangebot, das die Agrarrevolution des 18. Jahrhunderts hervor­brachte, unmöglich gewesen. Auch diese Re­volution hatte sich, wie ihr industrielles Gegenstück, aus dem Zusammenwirken vieler Veränderungen ergeben. Eine der wichtigsten stellte die schrittweise Abkehr von der „Dreifelderwirtschaft" dar, ein Anbauverfahren, bei dem ein Drittel des Bodens abwechselnd jedes Jahr brachlag. Diesen Zyklus ersetzte man durch einen intensivierten Anbau, die sogenannte „Fruchtwechselfolge" (Weizen, Steckrüben, Hafer, Klee), die das gesamte Ackerland nutzte, ohne es zu erschöpfen.

Einer der „reformwilligen Grundbesitzer', Jethro Tull, erlangte Berühmtheit als Erfinder einerspeziellen Sämaschine, die das traditionelle Ausstreuen des Samens ablöste. Das Streben nach Leistungs- und Profitsteigerung führte nach 1760 zu einer verstärkten Einhegung von Gemeindeland, die tiefgreifende soziale Folgen nach sich zog.

Die Reihensämaschine, eine Erfindung von Jethro Tull, gehörte zu den wirksamsten landwirtschaftlichen Maschinen des 18. Jhs.

 

Die Einhegung des für Ackerbau und Gemeindeweide verfügbaren Landes verdrängte die Kleinbauern, deren Überleben oft davon abhing, daß ihr Vieh frei grasen konnte. Schritt für Schritt behauptete sich der durch Zusammenlegungen rationalisierte Großbetrieb. Diese Entwicklungen ließen in der Landwirtschaft die Nachfrage nach Arbeitskräften sinken und setzten ländliche Bevölkerungsüberschüsse frei, die in die Stadt strömten und sich in das Heer der billigen Fabrikarbeiter einreihten. Es entstand eine neue ländliche Ordnung, die sich zwar als produktiver, doch als sozial gleichförmiger erwies.

 Ein Landvermesser des 18. Jhs. markiert mit seinen Gehilfen die neuen Einhegungen, um ein großes Feld aufzuteilen.

 

WERKSTÄTTE DER WELT     

Mitte des 19. Jahrhunderts war erkennbar, daß die industrielle Revolution England zur „Werkstätte der Welt" gemacht hatte. In der großen Weltausstellung von 1851 i m Londoner Hyde Park feierte man diesen Erfolg. Die Ausstellung Land in einem riesigen Gebäude aus Glas und Eisen statt, dem Kristallpalast, der selbst ein Symbol des industriellen Fortschritts darstellte.

STEIGENDER LEBENSSTANDARD

Trotz der vielen Übel des frühen Industriezeitalters wie Verelendung, soziale Unsicherheit, ungesunde Städte und verschmutzte Luft stieg mit der Zeit der allgemeine Lebensstandard. Direkt oder indirekt gab die Welt der Städte und Fabriken den Anstoß zu einer Fülle neuer Entwicklungen, von Reisen mit der Eisenbahn über die elektrische Beleuchtung bis zur allgemeinen Schulbildung und Demokratie. Vor dem Ende der Viktorianischen Epoche stellten Deutschland und die Vereinigten Staaten die Vorherrschaft Englands in Frage. Das Land blieb jedoch bis ins 20.Jahrhundert mächtig und wohlhabend. Der stürmische wirtschaftliche, soziale und politische Wandel seit der industriellen Revolution scheint bis heute noch nicht abgeschlossen.