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die Geburt des Sozialismus
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Infolge der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert entstand ein Heer von besitzlosen Arbeitern, die den Unternehmerinteressen nahezu rechtlos ausgeliefert waren. Der soziale Protest dagegen bewirkte die Entstehung des Sozialismus.
Dieses Plakat erschien 1914 zum 21. Jahrestag der Gründung der englischen Independent labour Party. Die Geschichte kennt viele Beispiele des Protestes armer Bevölkerungsschichten gegen die Unterdrückung durch reiche Machthaber. So organisierte Spartakus in den Jahren 73-71 v.Chr. einen Aufstand der Sklaven gegen den römischen Senat. Thomas Müntzer forderte in der Reformationszeit die allgemeine Gütergemeinschaft und führte die Heere der unzufriedenen Bauern und Bergarbeiter in den Kampf gegen die feudalen Fürsten. Theologen und Philosophen bemühten sich, das Verlangen nach einer gerechteren Welt auch theoretisch zu untermauern. So entwarf der englische Lordkanzler Thomas Morus Anfang des 16. Jahrhunderts den idealen Staat „Utopia" mit Gemeineigentum und Arbeitspflicht für alle. Waren die Sklavenaufstände der Antike und die Bauernunruhen in der frühen Neuzeit meist nur von kurzer Dauer, so bargen die armen Massen der immer weiter wachsenden Städte ein auch längerfristig aktionsfähiges revolutionäres Potential. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts endeten zwei entscheidende Revolutionen erfolgreich: Am 4. Juli 1776 erklärten sich die zunächst 13 Vereinigten Staaten von Amerika für unabhängig von der britischen Kolonialmacht. Die Menschenrechte, das heißt das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück, wurden ebenso wie das verbriefte Widerstandsrecht Bestandteil der Verfassung des neuen Bundesstaates. In Europa beendete das französische Bürgertum in den Jahren 1789-1792 die Herrschaft des absolutistisch regierenden Königtums. Zwar galt die Macht nun nicht mehr als „von Gottes Gnaden" legitimiert, doch blieb die große Masse der Bevölkerung von der politischen Willensbildung ausgeschlossen. Nur wer über Besitz verfügte, durfte wählen. Obwohl man die Leibeigenschaft in den meisten Ländern abschaffte, verbesserte sich die Lage für die armen Bevölkerungsschichten kaum. DER FRÜHKAPITALISMUS Nicht mehr das Eigentum an Grund und Boden, sondern der Besitz von Geld stellte nun die Basis für Reichtum und gesellschaftliche Stellung dar. Setzte man im Absolutismus Geld lediglich als allgemein anerkanntes Tauschmittel in einer relativ einfachen Warenwirtschaft ein oder gab es unproduktiv für eine üppige Hofhaltung oderein aufwendiges Militär aus, so wurde es nun zu Kapital. Geld bildete die Voraussetzung für mehr Geld, und mehr Geld ermöglichte die Erwirtschaftung von noch mehr Geld. Der moderne Unternehmer kaufte Rohstoffe, Maschinen und die Arbeitskraft derer, die nichts anderes zu verkaufen hatten. Das von diesen Arbeitern gefertigte Produkt verkaufte er für mehr Geld, als er selbst investiert hatte. Die Differenz, den „Mehrwert', legte der Unternehmer für neue Maschinen, Rohstoffe und Arbeiter an. Auf diese Weise erhöhte sich sein Reichtum ständig. Dieses Prinzip funktionierte allerdings nur, wenn man sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen verstand. Das verlangte die Herstellung einer für den Markt interessanten Ware, die für einen akzeptablen Preis angeboten werden mußte. Die Folge war eine rasante technische Entwicklung. Im Kampf um die Marktanteile setzte man Dampfschiffe und Eisenbahnen ein, und der Telegraph ermöglichte eine schnelle Nachrichtenübermittlung. Die Herstellungsmethoden wurden immer effizienter, dennoch hielt man die Löhne möglichst niedrig. So bildeten sich nach und nach große Industriestandorte. Sie zogen die arbeitslose Landbevölkerung an, da die traditionellen Erwerbszweige kaum noch eine Chance zum Überleben boten.
Fabriken in Sheffield im Jahre 1884. Tausende Arbeiterinnen und Arbeiter erwirtschafteten unter unwürdigen Bedingungen den Reichtum weniger Kapitalisten.
Der Preis für einen der heißbegehrten Jobs war jedoch sehr hoch: Ein 16-Stundentag, mörderische Arbeitsbedingungen, keine Absicherung im Alter oder Krankheitsfall und die permanente Angst vor Entlassung gehörten ebenso zur Arbeiterwirklichkeit wie Kinderarbeit, miserable Wohnverhältnisse und die Zerstörung der traditionellen Großfamilie. Es wurde ein bislang unbekannter Reichtum produziert, der das Elend breiter Massen zur Folge hatte. DER SOZIALISTISCHE TRAUM Während in England bereits große Industrien entstanden und in Frankreich die alte Ordnung untergegangen war, konnte sich das Bürgertum in den deutschen Staaten nur langsam entwickeln. Es waren daher französische und britische Denker, die zuerst einen radikalen sozialen Wandel forderten, eine Gesellschaft, die vom Allgemeinwohl, nicht vom Interesse einer herrschenden Klasse bestimmt wird.
In Modellbetrieben organisierte Robert Owens Arbeit und Freizeit der Beschäftigten zum Wohle aller. Um seine Baumwollspinnerei im schottischen New Lanark baute er Wohnsiedlungen mit Schulen. Zum Freizeitangebot gehörten auch Tanzkurse. Das von ihm geforderte Genossenschaftswesen sollte schließlich zu einer auf Gemeineigentum basierenden Gesellschaft führen. Owen wurde zum Schöpfer des englischen Genossenschaftswesens.
In der Endphase der Französischen Revolution forderte Francois Noel Babeuf die Republik der Gleichen", in der Privateigentum und Arbeitszwang abgeschafft werden sollten. 1814 entwarf Graf Claude Saint-Simon ein sozialistisches Modell, das mit Hilfe strikter Kontrolle des Eigentums und einer gerechten Verteilung der Gewinne die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beenden sollte. Etwa zur gleichen Zeit formulierte Charles Fourier seine Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft. Auch er sah in den Eigentumsverhältnissen das Grundübel und empfahl kleine, überschaubare Wirtschaftseinheiten. Mit dem Satz „Eigentum ist Diebstahl" prägte Pierre Joseph Proudhon die Überzeugung der späteren Anarchisten.
Solche von Robert Owen eingeführten Gutscheine sollten den Arbeitern einen günstigen Einkauf ermöglichen.
Den walisischen Fabrikantensohn Robert Owen (1771-1858) rüttelte das Elend der britischen Textilarbeiter auf. In seiner Baumwollspinnerei verbot er die Kinderarbeit, begrenzte den Arbeitstag auf zehneinhalb Stunden und richtete für seine Beschäftigten Läden ein, in denen sie fast zum Selbstkostenpreis einkaufen konnten. „PROLETARIER ALLER LÄNDER..." „Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus." Mit diesen Worten beginnt das „Manifest der Kommunistischen Partei' die erste bedeutende Schrift des wohl wichtigsten Theoretikers des Sozialismus.
Karl Marx, der wichtigste Theoretiker des Sozialismus, schuf mit seinem „Kapital" ein Grundwerk.
Karl Marx und Friedrich Engels wollten den bisherigen „utopischen Sozialismus" auf eine wissenschaftliche Basis stellen. Nur eine wissenschaftliche Analyse der „Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktion" könne das Proletariat dazu befähigen, die Herrschaft der Bourgeoisie zu stürzen und nach einer Zwischenphase der„Diktatur des Proletariats" den Kommunismus, die „klassenlose Gesellschaft" zu etablieren. Sein Hauptwerk „Das Kapital', das er im englischen Exil schrieb, erschien in drei Bänden zwischen 1867 und 1897. Für Marx bildeten Theorie und Praxis eine Einheit: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern." Es erschien Marx daher dringend geboten, die Klassensolidarität des Proletariats international zu organisieren. 1864 gründete Marx die „Internationale Arbeiterassoziation' die „Erste Internationale". Er stand in engem Kontakt mit allen Führern der europäischen Arbeiterbewegung. Marx vertrat die Ansicht ein friedlicher Übergang vom Kapitalismus in den Sozialismus sei nicht möglich, nur eine gewaltsame Revolution könne den Sieg des Proletariats erzwingen. In den Wirren des deutsch-französischen Krieges 1870/71 übernahm am 18. März 1871 eine revolutionäre Sonderregierung die Macht in Paris. Der französische Einheitsstaat sollte in einen Bund souveräner sozialistischer Gemeinden umgewandelt werden. Die Hoffnung, der Aufstand der „Pariser Kommune" könne das Fanal zur Weltrevolution darstellen, endete am 29. Mai 1871 im Kugelhagel französischer Regierungstruppen.
Auch Frauen beteiligten sich an den Kämpfen. Während der nur zwei Monate dauernden „Pariser Kommune" wurde die französische Hauptstadt von einem gewählten Komitee aus Arbeitern, Intellektuellen und Handwerkern regiert. Marx sah in dem Aufstand das erste Aufbegehren des Proletariats gegen die Kapitalistenklasse, die Bourgeoisie. Im darauf folgenden Jahr zerbrach auch die Erste Internationale an der Kontroverse zwischen Marx und dem russischen Anarchisten Michail Bakunin. Mit seiner „Propaganda der Tat" wollte Bakunin alle gesellschaftlichen Institutionen sofort auflösen und durch eine klassenlose Kollektivordnung ersetzen. Terroranschläge und Attentate sollten die Bevölkerung auf die Unterdrückung durch das bestehende System aufmerksam machen. Marx warf den Anarchisten vor, keine konkreten Pläne zur Organisation der Arbeiterschaft und für den Übergang zur klassenlosen Gesellschaft vorweisen zu können. Den individuellen Terror lehnte er kategorisch ab.
Diese Karikatur von 1871 nimmt den zerütteten Zustand der Ersten Internationale aufs Korn. In der satirisch dargestellten Gerichtsverhandlung wird die Internationale durch das Scheitern der „Pariser Kommune" verurteilt. Die Internationale zerbrach bald an dem Gegensatz zwischen Marx und Bakunin.
VÖLKER, HÖRT DIE SIGNALE!" Trotz staatlicher Repressalien gelang es, die Arbeiterorganisationen weiter auszubauen. Die Gewerkschaften nahmen die Interessen der Arbeiter gegenüber den Produktionsmittelbesitzern wahr mit dem Ziel, Lohnforderungen, soziale Absicherung, Vollbeschäftigung und Mitbestimmung durchzusetzen. Das politische Mittel war der Streik. Die Trade Unions, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf den britischen Inseln bildeten, galten als Vorbild für alle anderen Länder. In Deutschland baute man die bestorganisierte sozialistische Partei auf. Ferdinand Lassalle gründete im Mai 1863 den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein", der mit friedlichen Mitteln auf dem Boden des bestehenden Staates sein sozialistisches Programm verwirklichen wollte. Wilhelm Liebknecht und August Bebel riefen im August 1869 die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei" ins Leben, die den marxistischen Gedanken des Klassenkampfes und des internationalen Sozialismus betonte. Beide Richtungen schlossen sich im Mai 1875 zur „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands" zusammen: Der Versuch des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck, mit den „Sozialistengesetzen" die Partei zu verbieten, war nicht erfolgreich. Seit 1890 konnte die wiedergegründete „Sozialdemokratische Partei Deutschlands" (SPD) ihre Stellung im Reichstag ständig weiter ausbauen. Die SPD war federführend bei der Gründung der zweiten Internationalen im Jahre 1889, die zum Vorbild für Parteigründungen in anderen europäischen Ländern wurde.
Der Amsterdamer Kongreß der Zweiten Internationale von 1904 stand unter dem Motto des Kommunistischen Manifestes: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Man diskutierte die schon seit einigen Jahren aktuelle Frage, ob eine begrenzte Zusammenarbeit der Sozialisten mit bürgerlichen Regierungsparteien nützlich sein könne.
Die konjunkturelle Aufwärtsentwicklung und nicht zuletzt die Sozialgesetzgebung Bismarcks verbesserten die wirtschaftliche Lage der deutschen Arbeiter erheblich. Dies veranlaßte einen Teil der sozialdemokratischen Theoretiker, die marxistische Position zu verlassen: Die Verelendung des Proletariats sei nicht unbedingt die Konsequenz der fortschreitenden Industrialisierung. DER ERSTE WELTKRIEG Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Juli 1914 stellte die internationale sozialistische Bewegung vor eine harte Bewährungsprobe. Sollten die sozialdemokratischen Parteien ihren Regierungen die Gefolgschaft verweigern und weiterhin die Solidarität des Proletariats aller Länder propagieren, oder galt es nun, nationale Interessen zu verteidigen? Die SPD entschloß sich zur Politik des „Burgfriedens" und stimmte den Kriegskrediten im Reichstag zu. Die anderen europäischen Arbeiterparteien verhielten sich ähnlich. Erst im Verlauf des Krieges formierte sich wieder eine Opposition, die in Deutschland ihren Ausdruck in der Abspaltung der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei' (USPD) fand. Am äußersten linken Rand bildete sich der„Spartakusbund" unter Führung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, der die Beendigung des Krieges und die soziale und politische Revolution forderte. Der nächste entscheidende Einschnitt in der Geschichte des Sozialismus kam jedoch aus einer völlig unerwarteten Richtung: In Rußland übernahm im Oktober 1917 die bolschewistische Partei Lenins die Macht.
Das Bild zeigt die Fahne der englischen Bergarbeitergewerkschaft, der „National Union of Mineworkers". Die britische Labour Party stellte einen Zusammenschluss von Gewerkschaften und verschiedenen sozialistischen Gruppen dar. Im Gegensatz zur deutschen Sozialdemokratie waren die Marxisten in der englischen Arbeiterbewegung in der Minderheit. Der pragmatische Ansatz der traditionsreichen Arbeiterkoalitionen stand im Vordergrund.
DER BOLSCHEWISMUS
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